5 Vorurteile rund ums Lektorat Titelbild

Ich bin noch nicht lange als freiberufliche Lektorin tätig, aber „durfte“ schon trotzdem viele, mal mehr, mal weniger ernst ausgesprochene Sprüche zum Thema Lektorat hören. Klar, die gibt es in jeder Berufsgruppe. Gerade künstlerisch Schaffende haben mit Vorurteilen und vorgefertigten Meinungen zu kämpfen. Um damit ein bisschen aufzuräumen und auch aufzuklären, habe ich hier die Top 5 Gerüchte rund ums Lektorat gesammelt.


VORURTEIL 1: „Was die Lektorin sagt, ist Gesetz und muss auch so gemacht werden!“

FALSCH.

Bei einem Lektorat ist das Wichtigste die Zusammenarbeit zwischen Autor*innen und Lektor*innen. Dafür lohnt es sich, sich vorher kennenzulernen und durch ein Probelektorat davon zu überzeugen, dass die Erwartungen aneinander übereinstimmen. Auch während eines Lektorats ist der Austausch unglaublich wichtig – und gerade als Selfpublisher*in hat man hohes Mitspracherecht und das letzte Wort bei Änderungen.

VORURTEIL 2: „Nach einem Lektorat darf der Text keine Rechtschreibfehler mehr enthalten!“

FALSCH.

Ein Lektorat ist kein Korrektorat und konzentriert sich vor allem auf die inhaltlichen sowie die stilistischen Punkte. Für einen (größtenteils) fehlerfreien Text ist also ein abschließendes Korrektorat nötig.

VORURTEIL3: „Ein Buch ohne Lektorat ist ein schlechtes Buch!“

FALSCH.

Zumindest, wenn es so verallgemeinert ausgedrückt wird.

Ich vertrete – und das sollte ich als Lektorin auch – den Ansatz, dass ein Lektorat nicht nur ein Buch zu einem besseren Buch macht, sondern auch die Autor*innen ganz viel für sich daraus mitnehmen und lernen. Das hat mir auch die Erfahrung bisher so gezeigt. Trotzdem heißt das nicht, dass ein unlektoriertes Buch per se schlecht ist. Vielleicht gibt es noch unausgeschöpftes Potential, es ist noch nicht leserreif oder stilistisch noch verbesserungswürdig. Aber als Lektorin arbeite ich auch nur mit dem Rohmaterial und das ist selten einfach „schlecht“, sonst würde dabei auch nicht viel rauskommen. Ich würde allen Autor*innen ein Lektorat ans Herz legen, aber wenn sich jemand aus bestimmten Gründen dagegen entscheidet, habe ich das zu akzeptieren.

VORURTEIL 4: „Lektorinnen schreiben bereits perfekt und brauchen kein Lektorat für ihre eigenen Bücher!“

FALSCH.

Ich bin auch Autorin und sobald mein Debüt geschrieben und überarbeitet ist, werde ich ein externes Lektorat durchführen lassen. Der Grund dafür ist ganz einfach: Ich habe beruflich zwar viel für mein Schreiben lernen können, aber im Bezug auf meine eigenen Texte bin ich genauso betriebsblind wie alle anderen Autor*innen auch. Ich bin viel zu sehr „drin“ in allem, mir fehlt die reine Leserperspektive.

VORURTEIL 5: „Was macht eine Lektorin schon, außer den Text zu lesen, da reichen doch Testleser*innen, die kosten auch nichts!“

FALSCH.

Zumindest auf die Aussage bezogen, dass Lektor*innen nicht mehr machen, als das Manuskript zu lesen. Dass Testleser*innen unglaublich wertvoll sind und eine Testleserunde vor dem Lektorat sehr sinnvoll ist (werde ich im Übrigen auch so handhaben), das unterschreibe ich so! Oft merke ich Manuskripten an, ob sie bereits testgelesen wurden und ein bereits überarbeitetes Manuskript ist mit weniger lektoratsseitigem Aufwand und damit auch Kosten verbunden.

Trotzdem LESE ich das Manuskript nicht einfach nur und setze mal hier und mal da einen Kommentar, sondern tauche wirklich tief in die Struktur ein, klopfe alles ab und wende handwerkliches Wissen an. Das ist dann auch am Zeitaufwand zu merken, denn für zehn Normseiten benötige ich circa eine Stunde. Oft mehr, wenn es sich um entscheidende Stellen handelt. Und neben den ganzen Anmerkungen neben und den Änderungen im Text, führe ich Notizen und ein zusätzliches Begleitdokument. Das ist etwas, das Testleser*innen allein aus der zeitlichen Perspektive her nicht leisten können – und weder müssen noch sollten. Dafür gibt es den bezahlten Service. Denn wie alle Autor*innen, Designer*innen, Setzer*innen und Coachs haben auch Lektor*innen ein Recht auf faire Bezahlung.

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