Titelbild "Geschichten erzählen" mit herbstlichem Buch im Hintergrund

Geschichten sind überall: Sie umgeben uns tagtäglich, ob in kleiner Form einer Mitpassagierin, die ihrem Sitznachbarn eine Anekdote aus ihrem Leben erzählt, in Fernsehen, Radio, Büchern und dem Internet. Jeder Mensch ist ein/e Geschichtenerzähler*in und unsere Geschichten leben weiter. Dabei gibt es bestimmte Muster und Elemente, derer wir uns bedienen, auch als Autor*innen beim Schreiben. Doch wie funktioniert eine gute Geschichte? Was ist das Motiv, das hinter dem Erzählen steckt?


Die lange Geschichte des Geschichtenerzählens

Geschichten sind so alt wie der Mensch selbst. Höhlenmalereien zeugen von den ersten Versuchen unserer Vorfahren, das, was ihnen widerfahren ist, festzuhalten. Mit der Sprache entwickelte sich auch die Kunst des Erzählens selbst: An Lagerfeuern erzählten sich die Menschen Geschichten, Sagen und Märchen, die in veränderter Form teilweise bis heute überdauert haben. Die älteste Geschichte der Welt soll laut australischen Forscher*innen von den Aborigines stammen und 37.000 Jahre alt sein.

Das Geschichtenerzählen entwickelte sich mit dem technologischen Fortschritt weiter. Mit der Erfindung des Buchdrucks konnten Geschichten mehr Menschen erreichen, gleichzeitig verlor aber auch der soziale und kommunikative Aspekt des Erzählens an Bedeutung. Der Gilgamesch-Epos aus der babylonischen Kultur zählt zu den ältesten schriftlichen Überlieferungen der Welt. Sein Ursprung reicht bis ins 24. Jahrhundert vor Christus zurück.

Mit Radio, Fernsehen und Internet verbreiteten sich Geschichten schließlich flächenwirksam in der gesamten Bevölkerung und erhielten neue Elemente der Gestaltung und Übertragung.

Es ist egal, ob ein Kind ein Buch liest, ein Audiobuch hört oder einen Film sieht. Wichtig ist nur, dass Kinder mit Geschichten groß werden.

Cornelia Funke

Wozu brauchen Menschen Geschichten?

Was wäre die Welt ohne Geschichten? Wenn unser Erleben nur durch Daten und Fakten ausgedrückt werden könnte? Richtig, zum einen sehr trist, zum anderen gäbe es aber auch wenig, woran wir uns erinnern würden. Denn Geschichten schaffen Strukturen im Gedächtnis, die wir uns viel leichter merken können. Sie lösen Emotionen aus und geben uns etwas mit auf den Weg, aus dem wir lernen können – die Moral der Geschichte. Geschichten zu erzählen ist ein evolutionäres Mittel, das unser Überleben sicherte. Dabei wurde nicht nur Wissen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben, damit diese es besser machen konnten als ihre Vorfahren, auf diese Art und Weise entstanden auch Traditionen und kulturelle Erbstücke.

Ein weiterer Zweck besteht darin, Empathie aufzubauen. Auch Dinge, die wir nur indirekt durch eine Erzählung erleben, lösen körperliche sowie emotionale Reaktionen in uns aus. Wir fühlen mit dem Protagonisten oder der Protaginistin. So können wir, gleich einer Simulation, andere Blickwinkel und Lebenswelten kennenlernen, ohne uns direkt in die (vielleicht bedrohliche) Situation zu begeben. Wir lernen aus den Erfahrungen anderer und die Gefühle und Denkweisen unserer Mitmenschen besser zu verstehen.

Gleichzeitig bergen Geschichten auch eine soziale Komponente, die Zusammenhalt und soziales Verhalten schafft.

Geschichte und Erzählung – Story und Plot

Grundsätzlich lassen sich zwei Ebenen unterscheiden:

  1. Die Geschichte (Story) selbst mit bestimmten Erzählmustern: WAS wird erzählt?
  2. Die Erzählung dieser Geschichte (Story) mit bestimmten Erzähltechniken: WIE wird etwas erzählt?

Beides zusammen bestimmt die Qualität einer Geschichte: Eine gute Story, die schlecht erzählt wird, ergibt genauso wenig eine gute Geschichte wie eine schlechte Story, die gut erzählt wird. Dabei sind Story und Plot nicht als Synonyme zu verwenden. Die Story enthält den kompletten chronologischen Verlauf einer Geschichte inklusive ihrer Vorgeschichte, während der Plot nur das ist, was ein Leser oder Zuschauer letztendlich zu sehen bekommt, weder chronologisch aufbereitet noch komplett vollständig. Anders gesagt: Das eine ist die Geschichte, das andere die Handlung.

Was von einer Geschichte letztendlich erzählt und wie die Erzählung präsentiert wird, hängt maßgeblich von dem Erzähler oder der Erzählerin und seiner oder ihrer Perspektive ab.

Was wir von einer guten Geschichte erwarten

Wenn wir uns fragen, was eine gute Geschichte ausmacht, dann kommen wir schnell darauf, was sie NICHT enthält: eine unlogische Handlung, ein allzu leicht zu lösendes Problem und immer gleiche Abläufe ohne Fortschritte. Dabei ist „gut“ natürlich kein objektives Kriterium, sondern spiegelt lediglich wider, was wir von Geschichten gemeinhin erwarten. Und sobald wir wissen, was Leser*innen erwarten, können wir auch mit diesen Erwartungen spielen und sie brechen.

1. Geschichten ergeben Sinn und erzeugen eine Erkenntnis.

Damit eine Geschichte unser Bedürfnis nach Erklärbarkeit erfüllt, müssen die einzelnen Punkte Sinn ergeben. Nichts geschieht ohne Grund oder sprengt zumindest nicht den gesamten Rahmen der Handlung. Außerdem müssen die Figuren nachvollziehbar handeln, denn erst so können wir mit ihnen fühlen und denken. Und wer auf diese Art und Weise die Story erlebt, erhält am Ende die Chance auf einen tiefgreifenden Aha-Moment. Wir denken uns dann „Hab‘ ich mir doch gedacht, dass es der Gärtner gewesen ist!“ oder „Mit diesem Twist hätte ich nicht gerechnet, aber es passt so gut rein!“ und können das Buch zufrieden beiseitelegen.

2. Geschichten stellen den Protagonisten oder die Protagonistin vor Hindernisse.

Dies spiegelt den Archetyp der Geschichte wider und wird auch im Storytelling eingesetzt. Am Anfang steht ein Protagonist oder eine Protagonistin, der oder die auf ein Problem trifft. Ein geläufiges Beispiel: Frodo erhält den einen Ring, der Sauron zur Macht verhelfen und Mittelerde ins Verderben stürzen kann. Dieser Notlage ist aber nicht so einfach zu entkommen, es gibt keine schnelle Lösung für das Problem. Stattdessen trifft unser Protagonist oder unsere Protagonistin ein ums andere Mal auf Hindernissse – an denen er oder sie auch scheitern darf. Die Krise lässt sich erst überwinden, wenn eine Entwicklung stattfindet.

3. Geschichten bestrafen die Bösen und belohnen die Guten.

Das ist eine Erwartungshaltung, die wir gegenüber einer gerechten Welt haben. Unmoralisches Verhalten wird bestraft und moralisches belohnt. Dass die Realität durchaus ganz anders aussieht und es mehr zwischen „Gut“ und „Böse“ gibt, zeigen Geschichten, die mit genau dieser Erwartungshaltung brechen. „Graue“ Charaktere und Anti-Helden sind inzwischen sehr beliebt – und bilden oftmals trotzdem noch die Ausnahme.

4. Geschichten brauchen Veränderung.

Zumindest sollte sich die Handlung kapitelweise entwickeln und nicht auf der Stelle stehenbleiben – auch im wahrsten Sinne des Wortes durch Ortswechsel und Zeitwechsel gekennzeichnet sein. So können Geschichten ihre Leser*innen auf eine Reise mitnehmen. Natürlich gibt es auch hier wieder Geschichten, die genau damit brechen.

Die Macht einer Geschichte

Die Macht guter Geschichten ist nicht zu unterschätzen. Ihre Wirkungsweisen sind tief in uns verwurzelt und sie beeinflussen unsere Wahrnehmung. Das lässt sich an einem einfachen Beispiel erklären: Was wir als Kinder von unseren Eltern und anderen engen Bezugspersonen zu hören bekommen haben, was wir erlebt haben, ist schwer bewusst zu machen und ablegbar. Hören wir unser ganzes Leben lang Geschichten darüber, wie schlimm eine Personengruppe X ist, glauben wir leicht daran, solange uns niemand eines Besseren belehrt oder wir gegenteilige Erfahrungen machen.

Nichts auf der Welt ist mächtiger als eine gute Geschichte. Nichts kann sie aufhalten, kein Feind vermag sie zu besiegen.

Tyrion Lannister in „Game of Thrones“

Gleichzeitig eröffnen Geschichten auch völlig neue Welten, die wir als Autor*innen erschaffen. Wir machen sie für Leser*innen erlebbar, können sie bezaubern, mitreißen, zu Tränen rühren oder aufgebracht zurücklassen. Diese Macht wohnt jedem Geschichtenerzähler und jeder Geschichtenerzählerin inne – und es ist seine oder ihre Verantwortung, was er oder sie daraus macht.

Weiterführende Artikel:

Die Schreibtechnikerin – Propaganda und Storytelling

Die Schreibtechnikerin – Der Anti-Plot: Gegen die klassische Geschichte

Autorenwelt – Evolutionstheorien: Warum wir Geschichten erzählen

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